„Kiai“!

Das ist die Bezeichnung von dem Schrei, den wir im Karate-Unterricht immer wieder machen. Ob im Kihon, Kata, Ido Geiko oder sogar im Kumite; der „Kiai“ ist ein fester Bestandteil im Kyokushin Karate. Aber was bedeutet „Kiai“ und wieso machen wir das?

Das Wort „Kiai“ setzt sich aus zwei japanischen Begriffen zusammen. „Ki“ bedeutet Lebenskraft und „Ai“ bedeutet sich mit etwas zu mischen. Ki-Ai bedeutet wörtlich, sich auf seine Lebenskraft zu konzentrieren, eins mit ihr zu werde und sich mit der Kraft zu vermischen. Er steht für eine ganz besondere Kraft und ist viel mehr als ein lautes Geräusch. Das sehen wir auch in anderen Kampfkünsten. Im Kenjutsu, einer japanischen Schwertkunst, wird der „Kiai“ nämlich lautlos benutzt. Jetzt fragt ihre euch vielleicht, wie kann das sein?

Der „Kiai“ ist doch unser Kampfschrei. Ja und nein. Es beschreibt vielmehr die Haltung, die dahinter steht. Im Kenjutsu z. B. konzentrieren sich die Kampfkünstler auf ihren Geist und ihre Energie, um die durch ihre Klingen dann gegen ihren Gegner zu nutzen. Der Kiai in seiner reinsten und höchsten Form entwickelt, ist in den Kampfkünsten viel mehr als ein Schrei. Es ist eine Kraft, die in der Lage ist, einen Feind vollständig zu besiegen, ohne einen einzigen Schlag zu nutzen. Es beschreibt die Haltung, unsere Energie intensiv, mutig und selbstbewusst auszurichten.

Oyama – Der Mann mit einem Einzigartigen „Kiai“

Es gibt von unserem Begründer Sosai Mas Oyama eine Geschichte aus dem Jahr 1961, die uns genau zeigt, was „Kiai“ für uns im Kyokushin ist. Nach 13

dem Training gingen Oyama und ein Schüler am Stadtrand von Tokio entlang um etwas zu essen. Es wurde dunkel und als sie sich dem Restaurant näherten, kam ihnen eine Gruppe junger Männern entgegen. Plötzlich schien die Gruppe auf sie zuzukommen. Oyama blieb stehen und gab dann ein kurzes, kraftvolles Geräusch von sich. Die Jugendlichen erstarrten. Ihre Bewegungen waren unterbrochen, als wäre Energie aus ihren Gliedern gesaugt worden. Es schien sicherlich wie eine Ewigkeit, aber es muss nur eine Sekunde gedauert haben, bis die Jugendlichen wieder zu sich kamen, sich umdrehten und dann schnell die Straße hinunter verschwanden. Es war kein Wort gesagt worden, sondern es war nur die Haltung und Ausstrahlung von Sosai und seinem „Kiai“.

Die Elemente im „Kiai“

Wir können nach der Philosophie im Kyokushin den „Kiai“ in einzelne Schlüsselelemente aufteilen. Das erste nennt sich Kokoro (das Herz finden) Kokoro bedeutet übersetzt „unbezwingbarer Geist“ und bedeutet einfach, sich zu weigern, eine Niederlage hinzunehmen. Wir sollen in jeder Situation gegen unsere Ängste angehen und jede Schwierigkeit überwinden. Wir müssen es uns zur Gewohnheit machen, niemals aufzugeben. Dazu gehören nicht nur die Herausforderungen auf der Matte im Dojo oder bei Turnieren, sondern auch die Herausforderungen des Lebens.

Der zweite Teil im Kiai ist Haragei – Haragei bedeutet wörtlich „Kunst des Magens“. Im Deutschen sagen wir auch „Bauchgefühl“ oder „Innere Stimme“ dazu. Es ist nicht einfach eine kurze Emotion, die wir haben, sondern fast wie ein geschulter sechster Sinn. Gesichtsausdrücke, Timing, Geräusche und sogar Stille vermitteln Botschaften, wie z. B. das Verbergen von wahre Emotionen. Es ist keine mystische Fähigkeit, bei der du auf übernatürliche Weise feststellen kannst, ob eine Person angreifen wird oder was sie denkt. Haragei ist vielmehr die Wahrnehmung und das Vertrauen auf unser geschultes „Bauchgefühl“.

Der dritte Schlüssel von dem echten „Kiai“ ist Kokyu Chikara – die Atemkraft. Das wissen auch andere

Sportler, wie z. B. Boxer und Gewichtheber. Wir sollen unsere Atmung so verwenden, um die Spannung unserer Muskeln, und damit unsere körperliche Kraft, am effektivsten nutzen zu können. Dazu müssen wir uns entspannen und uns auf unsere Atemung konzentrieren, die in unserem Unterbauch „Hara“ geht. Natürlich geht der Atem nicht wirklich dorthin, aber es ist der Fokus der tiefen Atmung, der den unteren Teil der Lunge ausfüllt. So helfen wir unserem Körper bereit zu sein und all unsere Kraft im richtigen Moment zu nutzen.

Das führt uns zum letzten Element des „Kiai“, dem Kime – Kime (決 め) bedeutet „geistige Kraft/Fokus“ und beschreibt die Anspannung im richtigen, letzten, perfekten Moment während eines Schlags, Tritts oder Blocks. Kime ist der Fokus, der Kiai letztlich ausmacht und ist damit wahrscheinlich der wichtigste Faktor. Du musst locker und entspannt anfangen. Wenn du eine Technik ausführst, sollte sie schnell und präzise sein, bis sie das Ziel erreicht. In diesem letzten Moment spannen wir den Körper an und steigern so die Energie mit einem Kiai massiv! Danach kehren wir dann sofort in einen entspannten Zustand zurück.

Der „Kiai“ – Mehr als nur ein Schrei

Unser gesamter Fokus sollte auf das Ziel gerichtet sein, mit dem Grad an körperlichem und geistigem Einsatz, und schließlich mit dem „Kiai“ enden, was bei uns im Karate mit einem Schrei verbunden ist, mit dem wir am besten vertraut sind, wenn wir über „Kiai“ sprechen. Dein Geist konzentriert sich intensiv und holt in diesem Moment alles raus, um mit ganzer Energie zu handeln. Wenn wir das gelernt haben, können wir das auch im gesamten Leben ausstrahlen und ein Stück so werden, wie unser Begründer Sosai Oyama. Wir strahlen Selbstsicherheit aus, habe einen Haltung der Stärke und handeln voller Vertrauen, auch gegen Ängste und Schwierigkeiten. Daran soll uns auch das Wort „Osu“ immer wieder erinnern, worüber wir in der letzten Ausgabe geschrieben haben. „Kiai“ soll unsere Haltung als Karateka sein. Osu!